Resensi Buku

Veröffentlicht: Februar 8, 2010 in Studi

Tuschling, Anna. „Klatsch im Chat. Freuds Theorie des Dritten im Zeitalter elektronischer Kommunikation“ Bielefeld : transcript, 2009 294 Seiten

Das Internet entwickelt sich sehr rasch. Tuschling versucht deshalb eine private Internetnutzung nämlich private Chat-Kommunikation zu untersuchen. Das Analyseinstrument, das gebraucht wird, ist Freuds enigmatische Theorie des Dritten (Freud GW VI), mit deren Hilfe Chat-Strukturen als Klatschtriaden entziffert werden. Während sich die E-Mail mittlerweile als seriöses Mittel für den privaten und geschäftlichen Austausch etabliert hat, so ist das Chat weiterhin der Ruf der nicht Ernsthaftigkeit eigen. Als simultaner Schriftaustausch zentralisieret der Chat den sprachlichen Ausdruck zu entstellen, „twisted little words“ bzw. Wortkürzeln, die den Sündenfall der Schriftkultur feiern. Das Buch untersucht das Chatten als mediengeschichtliches und dabei paradigmatisches Übergangsphänomen in der Entwicklung des Internet, an dem sich die elektronische Artikulation des symbolischen hervorragend ablesen lässt.

Dieses Buch besteht aus fünf Kapiteln. Das erste Kapitel dieses Buches lautet „Twisted little words. Chatten als Sündenfall der Schriftkultur“. In diesem Kapitel erklärt Tuschling u.a. über die Definiton vom Chatten, Drei Phasen der Internetkommunikation, Elektronischer Klatsch, das Begehren der Maschine, Kulturanalysen, die Vorgeschichten des Chats usw. Der Name Chat, also Klatsch oder Plausch, weist auf das elektronische Äquivalent alltäglicher Mündlichkeit hin.

Chat verkörpert eine Internetanwendung, die in unterschiedlichen Formaten mit verzweigter Entwicklungsgeschichte vorliegt. Die Formaten sind u.a. Chat per Video, textuell, als Avatar in Games, per Online-Telefonie, Web-chat oder Internet-Relay-Chat erfolgt. Denn „Kommunikation“, sei es Austausch von Texten, von Digitalbildern oder Tönen. Weniger wichtig als E-Mailing, ist Chat dennoch ein bedeutender Beschleuniger für die breitenwirksame Computervernetzung.

Chatten bezeichnet multiple Szenarien. Darunter versteht man als ein Bündel kommunikativer Anwendungen vernetzter Computer. Außer Text und Ton umfasst auch Bildverwendung im Chat. Die früheste technisch realisierte „computervermittelte Kommunikation“ entstand ab 1957 (McCarthy). Aber man kann erst beim späteren Chatten über Computer „sprechen“. Chat-Kultur beginnt 1988 mit einem bestimmten Program und Chat-System, nämlich dem Internet-Relay-Chat (IRC) von Orikanen.

Im Chatroom wird „Kommunikation“, „Reden“ oder Schriftverkehr in elektronischen Nachrichtennetzen sicht- und bennenbar, vor allem jedoch vermeintlich dingfest gemacht. Offenheit und Ungerichtetheit wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Entwicklung wurden zur Vielheit und Gleichheit der Interaktionspartner respektive Wahl ihrer kommunikativen Fähigkeiten und Eigenschaften. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erlebte eine spielerische Entwendung des Alphabets in Kunst und Literatur neuerlichen Ausdruck und Aufschwung. Meist sind sie keine Buchstaben, gelten aber als Emoticons Standard. Ende des 20. Jahrhunderts kommt ein freies flottierendes Spiel mit Schrift und Zeichen zur Entfaltung auf Computerbildschirmen. Chatten ist dabei vor allem verknappte Schrift, ein Spektakel der Akronyme.

Chatten charakterisiert die Popularisierung des Computers als Kommunikationsmedium für Menschen im Übergang vom jüngeren Internet zum World Wide Web, also von Mitte der 1980er Jahre (IRC) bis Mitte der 1990er (Webchats). Chatten kann mit E-Mailing kontrastiert werden. Beide sind Internetanwendungen neben vielen anderen und betroffen von Abwertungen von sprachwissenschaftlicher Seite. Sowohl E-Mailing wie Chat gelten mit ihren Verkürzungen durch Einsatz von Akronymen wie Emoticons und ihrer Fehlertoleranz gleichermaßen als Inbegriff von „Trümmersprache“, so Zimmer sowie Hasse et al.  im Jahr 1997 erwähnt. Insgesamt lassen sich bislang drei entscheidende Zeiträume unterscheiden, in denen sich Internetkommunikation weiterentwickelte und signifikant ausdifferenzierte:

1)         Die konzeptuelle wie medientechnische Vernetzungsgeschichte bis 1988;

2)         Ab 1988 Popularisierung des Internet und des Textchats durch den Internet-Relay-chat und Webchats;

3)         Integration von Ton- und Bildaustausch in Chat-Systeme, d.h. Entwicklung von Instant Messaging und Internettelefonie ab ca. 2003 bis dato.

Da Chatten als Oralität in Schriftform gilt, wird es zum Sündenfall der Schriftkultur deklariert. Zeitgleicher Textaustausch via Internet bewegt sich also zwischen der Skylla, ungenügende Rede zu sein, und der Charybdis, fehlerhaftes Schreiben zu verkörpern. Dem Chatten bescheinigt man insbesondere von Seiten sprachwissenschaftlicher Disziplinen gravierende Mängel, aber auch angewiesene Theoretiker der Schrift lastet ihm seine Kürze und Fehlerhaftigkeit an. Derrida befürchtete eines Verlust jenes zeitlichen Aufschubs in der elektronischen Kommunikation. Das macht für ihn unter Namen wie Nachträglichkeit und Aufschub die Eigenheit, Stärke und überhaupt Schriftlichkeit aus. Paradoxerweise wird hier Beschleunigung schriftlichen Nachrichtenverkehrs als Zeitverlust gelesen, nämlich als Verlust einer bestimmten Zeitform. Schrift in elektronischen Netzwerken verliert ihr Vermögen, durch Aufschub nachträglich zu bezeichnen, mithin zu bedeuten.

Verkürzung bzw. Verdichtung führten bereits in technischer Kommunikationsmedien per Vereinbarung zu neuem Vokabular, wie Telegraphie. Die Linguisten und Semiotiker halten das für einen negativen Einfluss auf Schriftkulturen. Der Chatroom ist ein Kosmos der Akronyme. Sakronyme werden im Chat metaphosiert, und zwar ausgerecnet als nonverbales, expressives Geschehen. Akronyme fuunktionieren neben emotiven Icons als Mimikry und Affektexpression. Außerdem verbreiten sich per Internet nach Conrads in seinem Buch  vom Jahr 2006 Verschwörungstheorien, Gerüchte und Klatsch. Egal, ob es in Online-Diskussionsforen, Chatrooms oder auftausenden von Blogs und dezidiert als „Gossip-Blogs“.

Der Klatsch ist neben Zote und Witz als besondere Artikulation des Dritten zu begreifen. Der Klatsch verkörpert eine Gesprächstriade. Chat- und Computerkommunikation ist als Figur des Dritten aufzufassen. Es handelt sich bei Freuds Theorie des Dritten um Systempositionen, und nicht, wie man meinen könnte, um empirische Gesprächskonstelationen. Erst mithilfe der Medienkulturanalyse des Dritten kann Chatten in seinen Voraussetzungen begriffen werden nämlich als Begehren der Maschine. Dies meint, dass es als die Maschine gilt, und auch Begehren als Ausdruck des Symbolischen.

Die wichtigsten psychoanalytischen Beiträge zur Ästhetik behandeln nicht das Kunstwerk, sondern das Alltägliche, weshalb sich ihre Erkenntnisse und Methoden hervorragend zur Klatschanalyse eignen. Die ergiebigsten von Freuds Kulturanalysen gelten gerade Witz und komischem Alltagsmalheur. Freudskulturanalytisches Fundament bildet die frühe Traumdeutung in Kombination mit Witzanalyse. Sie ergeben als Entwurf bekannten Schrift von 1895 die komplexeste Skizze einer Theorie des Dritten bei Freud, die sich gerade nicht auf den späteren Ödipuskomplex beschränkt.

Lachen, Klatsch, Tratsch und Chat sind keine Vorgänge der Spannungsentladung an sich, aber auch nicht kognitive Erwartungsinkongruenzen, sondern strukturell unbewusste Vorgänge. Die drei Teile dieser studie widmen sich mit Witz, Klatsch und Chat je einer spezifischen Gestalt dieser Triaden. Der Witz ist Anerkennung, als Klatsch liegt eine inverse Anerkennung vor und Chat lässt sich endlich als Suche nach der Möglichkeitsbedingung von Anerkennung bezeichnen.

Im 2. Kapitel „Die Theorie des Dritten“ wird es die Idee einer strukturellen Gesprächstriade besprochen, wie Freud sie anhand des lachenden Dritten schematisierte. Mit der Figur des Dritten liegt aber nicht nur das Konzept einer Sozialstruktur vor, sondern auch eine eigenständige Metapsychologie. Die Psychoanalyse untersucht neben Träumen und Versprechern ein weiteres Alltagsphänomen als Abkömmling unbewusster Regungen: Witzeln, Komik und vor allem das Lachen. Freud meint, dass es einen Zusammenhang zwischen Traum und Witz gibt, der überhaupt alles seelische Geschehen verbinde (vgl. Freud GW VI:13). Freud erklärte: „Der Traum ist ein vollkommen asoziales seelisches Produkt“. Er habe anderen nichts mitzuteilen und müsse sich deshalb kaum an eine verständliche sprachliche Form halten.

Freuds Forderung scheint seltsam und unverständlich, muss das Interesse aber allein deshalb wecken, weil er damit eine Klatschszene beschreibt. Er malt eine zukünftige Gesprächssituation aus, an der er selbst nicht teilhat.

Freud (GW VI:177) bezeichnet den Dritten auch als „eingeschobene“ person. D.h. die seltsame Zwischenposition des Dritten in der Gesprächstriade, aber auch die Funktionsweise des Witzes als solchen.

Beim Lachen handelt es sich im empatischen Sinne um eine gegenseitige Hingabe. Freud legt mit dem lachenden Dritten eine Definition des sozialen und im Weiteren der Kommunikation vor, die nicht als eine Szenerie aus zwei Dritten vertritt eine Auffassung von `Interaktion` und `Kommunikation`, die diese von der Position des tertium datur her entwirft.

Das 3. Kapitel lautet „Der Klatsch“. Die Figur des Dritten zeigt sich am typischten als explosives Gelächter, das auf einen mündlichen vorgetragenen Witz folgt. Erzähler und Zuhörer können nur im explosiven Witzlachen jene Überschreitung von Erwartung und Bewusstem teilen, welche Freud als Drittes bezeichnet. Dennoch begreift die Psychoanalyse des Witzes und vor allem die Theorie des Dritten, wie Freud sie in seiner Witzstudie vorgelegt hat, auch den Klatsch.

Die Figur des Dritten wird als Auftritt eines Erzählers begriffen, der einerseits kunstvoll und souverän mit seiner Geschichte fesselt, und sie sie auch offensichtlicher Unsinn. Andererseits muss der Sprecher sich ganz seinem Zuhörer und dessen unberechenbarem Gelächter überlassen.

Bei Klatsch und Witz handelt es sich um Betätigungen, für deren Zustandekommen zumindest drei Personen bzw. Personifikationen benötigt werden. Klatsch als Figur des Dritten verfugt das Soziale, ist buchstäblicher Alltagskitt und verschaltet soziales Außen psyches Innen.

Witz und Klatsch sind nicht nur strukturell verwandt, sondern gehen verschiedentlich ineinander über. Hermann et al. nennt das als Werkzeug von Spott und Beschimpfung. Dies  decken sich Witz und Klatsch.

Die Funktionen und Strukturen von Klatschkommunikation werden leicht auf ihre Personifikationen in sozialen Triaden reduziert. Klatsch besteht als Dreierbeziehung aus Objekt, Klatschproduzent und –rezipient, welche Bergmann (1987:61f.) mit dem naheliegenden Ausdruck der „Klatschtriade“ belegt. Dieses Dreieck entspricht vollständig seiner äußeren Form oder „Gruppenbeziehung in der struktur der Klatschtriade“ (ebd.: 205). Symbolische Triaden gehen nicht auf in der personellen Anordnung von Klatschszenarien. Nach Bergmann ist die figur des Objektes von den anderen beiden „Handlungsfiguren“ der Klatschtriade zu unterscheiden, weil sie als agrierender Teilnehmer aus der Kommunikation selbst ausgeschlossen ist und nur präsent ist als jemand. Die Abwesenheit des Beklatschen lässt sich soziall in dessen physischer Anwesenheit herstellen. Eine physisch anwesende Person kann durch abgewandte Körperhaltung, verringerte Lautstärke, vergrößerte räumliche Distanz und Vermeidung von Blickkontakt zeitweise zu einer „Non-Person“, d.h. einer interaktiv abwesenden Person gemacht werden (vgl. Ebd.; Handelmann 1973). Die sozialen Maßnahmen zur Isolation einer Person aus der Gruppe ähneln im Übrigen den missbilligenden Reaktionen, die durch den Klatsch ausgelöst werden. Andeutungen und Anspielungen und die Vermeidung von Kontakten zählen zu typischen Folgen des Klatsches.

Da Bergmann den Klatschproduzenten untersucht, nimmt er an, dass über den erzähler das gesamte „Informationsmanagement“ abläuft. Die Position des Hörers und Zuhörers kann verschmelzen oder in ein und demselben Gespräch abwechseln.

Insgesamt gelten Berufs- und Personengruppen wie Friseure als besonders klatschaft, die sich aufgrund ihrer täglichen Kontakte und Begegnungen mit verschiedenen Mitgliedern eines sozialen Netzwerks als „Informationszwischenträger“ eignen.

Zusammenfassend lässt sich die Handlungsfigur des Klatschproduzenten im doppelten Sinne als „Transgressor“ beschrieben. Er dringt in den Innenraum der sozialen Existenz eines anderen ein, um sich mit seinem „erbeuten Wissen“ anschließend wieder nach außen zu wenden und es dort zu benutzen.

Auch der Klatschrezipient erfüllt eine wichtige Funktion als passiver Beteiligter. Die Bereitschaft zuzuhören ist zwar eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für den Klatsch. Vielmehr muss der Zuhörer in einer spezifischen Beziehung sowohl zum Produzenten als auch zum Objekt stehen, damit ein Gespräch zum Klatsch werden kann.

Im letzten Kapitel „Digitaler Klatsch: Das Chatten“ wird es u.a. zwischen Schrift und Rede und auch einige originelle Transkripte diskutiert. Schrift ist meist mit Abwesenheit und künstlichkeit identisch, Rede dagegen mit Anwesenheit und natürlichkeit. Chatten gilt vielen Autoren als plausch in elektronischer Form und damit als Äquivalent mündlicher Rede.

Chattten ist nach Tholen mehr oder weniger abgenutzten Metaphern (Forum, Rollenspiel usw.), die dazu dienen, bisherige Formen des Gesprächs zu imitieren und in einem bisweilen komischen Effekten im Chat und Samplingverfahren zu rekombinieren.

Witz, Humor und Klatsch haben sich sprachlich wie sozial als eng verwandt erwiesen. In den Archiven der Chatsprache und Ikonographien finden sich sowohl im Feld der Kürzel bzw. Akronyme als auch bei den Emoticons ganze Paletten an Zeichen für Heitekeit, Lachen, Gelächter und Grinsen.

Literaturverzeichnis

Tuschling, Anna (2009): Klatsch im Chat. Freuds Theorie des Dritten im Zeitalter elektronischer Kommunikation. Bielefeld : transcript

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